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emils beerdigung.

Manche finden es vielleicht absurd, dass an einer Beerdigung die Sonne scheint, aber bei Emils Beerdigung schien sie. Es waren nur ein paar Wenige gekommen, in Hast schwarze T-Shirts über die bunte Kluft geworfen. Man wartete einige Augenblicke, schwieg und starrte mit zusammengekniffenen Augen in die Sonne. „Wir werden dich vermissen Emil“, erhob einer der Anwesenden die Stimme und wurde durch allseitiges Nicken bestätigt. „Du warst wahrlich der beste Fahrkartenabreißer, den unser kleiner Jahrmarkt je gesehen hat.“ Wieder Nicken. Manche finden es vielleicht absurd Eintrittskarten statt Blumen in ein offenes Grab zu werfen, aber das war es was sie taten.
11.5.17 23:22


anfangen aufzuhören

Kann nicht mehr atmen, nicht mehr sehen. Gestalten auf der Brust drücken die Luft in die Lunge zurück. Schweiß treibt sich aus meiner Haut, heiße Tropfen auf kalten Steinen. Stimmen von da unten, irgendwo wo ich mich verloren habe. Und meine Hand greift ins Leere und hält sich fest. Aber manchmal höre ich auf zu vergessen, wo ich angefangen habe aufzuhören und dann glitzert das Netz im Sonnenlicht eines frischen, taureichen Morgens. Fein reckt die Spinne ihre Beine, streichelt die Müdigkeit ab und öffnete die Augen, eins nach dem anderen, bis sie eine Welt bilden, ein Ganzes aus dem Puzzleteilen der letzten Nacht. Staubflocken verbrennen im Mondlicht, heißer Atem steigt von viel zu kleinen Flammen auf. Von fern, wie im Unterbewusst verankert und so aufschwappend wie seine eigenen Wellen, das Rauschen des Meeres. Wir sind irgendwie eins geworden. Kälte scheint Teil zu sein vom Traum und Sand in den Augen. Hautfetzen in Regenbogenfarben und Wind der zwischen gespreizten Fingern tanzt. Ein Kopfnicken, immer Beat im Ohr. Im Spiegel der Sonnenuntergang oder die Spitzen ihrer Haare. Im Hinterkopf die sanfte Vorfreude auf unordentliche Gemütlichabende. Postkarten mit nie abgeschickten Botschaften verbleichen in der Windschutzscheibe. Und in einen der silberglitzernden Schaumkronen echot das Lachen, das zwischen Stille und Beat durch die Welt huschte.
9.5.17 10:46


spagetti al dente.

Der Beifahrersitz ist leer ohne dich. Straßenmarkierungen hetzten am Rand meines Blickes vorbei und die schwarzen Herzschläge zwischen ihnen werden immer kleiner, bis die Nadel an meinem Tacho über die 120 hinausschießt. Das Fell, das mit dem Qualm deiner Zigaretten immer gelber geworden ist fühlt sich wie Stacheldraht unter meinen Händen an. Das Weiß meiner Fingerknöchel wirkt wie frisch gefallener Schnee im Kontrast. Ich bin froh, dass ich meine Nägel nicht geschnitten habe, sondern sich nun in mein Fleisch bohren, während ich versuche auf kurvigen Straßen geradeaus zusteuern. -- Das Essen ist perfekt. An den Fließen hinter dem Herd hängen ungefähr drei ein halb Spagetti. Du hast gesagt, sie sind erst Al dente, wenn sie hängen bleiben. Wie immer hast du den ganzen Käse genommen. Er zieht so starke Fäden, dass man ihn nicht mehr von den Spagetti unterscheiden kann. Du sagst, dass muss so sein, damit du nicht erkennst was Spagetti und was Käse ist, da du weder das eine noch das andere magst. Auf deiner Bluse ist ein Rotweinfleck. Ich muss mich zusammenreißen, nicht unter den Tisch zu gucken, du hast gesagt, das Essen ist jetzt dran. Dabei weiß ich, dass deine Unterhose an deinen Knöcheln baumelt. Manchmal sagst du, du würdest auch nackt U-Bahn fahren, aber du tust es nicht, weil du nicht willst, dass dich jemand sieht. Ich muss lachen, weil du das Weinglas immer am Bauch hältst, mit beiden Händen, damit du nicht noch mehr verschüttest. Das Handtuch, das auf dem Boden liegt hat den Fleck schon vollständig in sich aufgenommen. Du isst deine Spagetti mit dem Löffel und regst dich darüber auf, dass sie immer wieder hinunter gleiten. Ich sage dir wie schön du bist und du streichst mit deinen Zehen über meine nackten Oberschenkel. -- Es ist genau dieser Moment zwischen Nacht und Tag, kurz bevor die Sonne mit ihrem Morgengebet beginnt, dann, wenn das Licht sich zu ändern beginnt, als du mit einem leisen Ton in meinem Ohr kommst. Der Autositz unter dir ist feucht und deine Haarspitzen kräuseln sich zwischen den Schlüsselbeinen. Ich bemerke, dass das Radio läuft, ich denke mir, dass ein Ellenbogen es vielleicht angeschaltet hat. Oder dein Knie, oder vielleicht hast du es auch mit der Nasenspitze getan. Die Verkehrsnachrichten schleichen um uns, wie festgewordener Alltag und die Nässe unter deinem Körper wird zu Angstschweiß. „Kannst du mich nach Hause fahren?“ Fragst du mich und ich sehe dabei zu, wie die Ansätze deiner Brüste hinter den Mauern deiner Verschlossenheit verschwinden. Also du mich fragst, ob ich mit nach oben komme, frage ich mich, ob nackt im Auto zu fahren, das gleiche ist wie nackt mit der U-Bahn zu fahren. -- „Wenn wir morgen aufwachen, ist alles anders.“ Es war nur ein Flüstern in der Dunkelheit, das du mit Rabenschwingen zu mir auf den Weg gebracht hast. Ich hätte es fast nicht gehört, fast wäre es zwischen Bett und Schreibtisch verblasst. Das Splittern der Holzfasern jagt mir Schauer über den zerkratzen Rücken. Ich finde es absurd, dass dieselben Fingernägel, die mir zuvor noch die sehnige Haut vom Körper gezogen haben nun das Bein des Schreibtisches zerkleinern. Ich weiß, dass sich das Blut unter deinen Nägeln sammelt und schon ganz schwarz ist und man es am Tischbein nicht sehen kann, weil du mich gebeten hast alle Lichter auszuschalten. Jetzt sehe ich nur noch deine Silhouette, wie du unter dem Tisch sitzt, die Beine unter deinem Körper verschlungen. „Den nächsten Tag machen wir besser.“ Werfe ich dir Worte in einem Papierflieger aus Taschentüchern zu. -- Der Beifahrersitz ist leer ohne dich und ich bilde mir ein noch immer die Feuchtigkeit auf dem Polster fühlen zu können. Das Radio ist noch immer an. Im Rückspiegel leuchtet der Mond eines anderen Jahres. Ich frage mich, ob ich etwas übersehen habe, ob ich die Muster nicht erkannt habe, die du in Rücken und Tischbein geritzt hast. Ich kannte dein Alphabet nicht. Manchmal rede ich mir ein, dass ich es gewusst habe, als du dich zu mir ins Bett gelegt hattest, Kreis auf meiner Brust gemalt hast und dünne Spuren aus Blut hinterlassen hattest. „Jetzt ist alles gut.“ Hast du gesagt und dein Gesicht in meinem Hals vergraben. Manchmal male ich mir aus, wie ich aufgewacht bin und deinen sich nicht mehr hebenden Brustkorb betrachtet habe, wie ich deine Wangenlinien nachgefahren habe und darauf gewartet habe, dass du die Augen schließt. Die leere Packung mit den herausgedrückten Tabletten klemmt zwischen Fahrzeugpapieren und leeren Kaugummidosen im Handschuhfach. Ich habe sie von deinem Nachttisch gestohlen, als ich mich an Rand des Lebens geklammert habe, den du mir zurück gelassen hast. Ich wollte nie etwas stehlen, deswegen bringe ich sie dir jetzt zurück. Die Nadel meines Tachos schnellt über die 200 und die Straßenmarkierungen verschwinden unter dem sich überschlagenden Wagen. Das Fell, das du ums Lenkrad gebastelt hast, damit ich im Winter keine kalten Finger habe, die ich dir zum Abschied immer in den Nacken gelegt habe, fühlt sich weich an.
9.5.17 10:45


klassentreffen.

„Weißt du noch, wie wir damals einfach abgehauen sind? Und die ganze Nacht durch die Stadt geschlichen sind und uns diese Ecken angesehen haben, wo niemand sonst hinschaut?“ Hannas Gesicht war erhellt von Erinnerung, als sie an diese guten Tage zurück dachte. Lars nickte: „Ja, weiß ich noch.“ „Und als wir Tom und Lola in diesem Pub getroffen haben? Der Barkeeper war echt ein Volltrottel gewesen!“ Stieg Tilda in das Gespräch ein. „Oder wie wir der Maus zugesehen haben, wie sie im Einmachglas erstickt ist?“ Hanna riss die Augen auf und schlug die Hand vor den Mund. „Felix“, rief sie empört und sah ihn böse an, „lass das.“ „Hey, erinnert ihr euch noch an diesen Tag im Hundepark, der kleine Labradorwelpe, der so verrückt nach dem Ballspielen war!“ Versuchte Lola das Gespräch wieder auf schönere Dinge zu lenken. „Und wie er gejault hat, als wir ihm den Stein an den Kopf geworfen haben“, drängte sich Felix dazwischen. Lola schnappt nach Luft. „Komm schon, lass sie in Ruhe!“ keifte Lars und nahm Hanna in die Arme. „Hey, hey! Wisst ihr noch: Die 1. Regel: Ihr verliert kein Wort über den Fight Club. Die 2. Regel: Ihr verliert KEIN WORT über den Fight Club.“ Rezitierter Tom. „Oh Mann, Brad Pitt war der HAMMER in diesem Film und wisst ihr noch, wie wir am Ende noch das gesamte Popcorn hatten, weil es so spannend war?“ Hanna kuschelte sich grinsend enger in Lars Arme. „Ja, und wie wir danach diesen Penner zusammengeschlagen haben, bis das Blut sein ganzes Gesicht bedeckt hatte!“ Felix feixte als er sprach. Niemand entgegnete etwas. „Oder als wir damals das Kind von der Schaukel geschubst haben. Oder als wir der Katze des Nachbars den Schwanz abgeschnitten haben. Oder als wir in Opas Tee Rattengift gemischt haben. Oder als wir Mama gesagt haben, dass Papa mit einer anderen fickt, obwohl es gar nicht gestimmt hat. Oder als wir dabei zu gesehen haben, wie das Blut aus unseren Adern lief und gelacht haben, als die Lehrerin deswegen ihren Job verloren hat?“ --- Ihr Mund wurde aufgedrückt, ihre Arme waren am Bett gefesselt. Sie wehrte sich, stieß kehlige Schreie aus und versuchte sich gegen die Männer in den weißen Mänteln zu wehren, die versuchten ihr die Pillen in den Mund zu schieben. Sie war zu schwach. Sie ergab sich, schluckte und hustet, verabschiedete sich von Ihnen und ergab sich der in ihr hoch kriechenden Leere.Und die düstere Erkenntnis ergriff sie, dass nichts diese Leere jemals füllen würde. Die Erinnerung an Liebe und Freundschaft verblasste. Wie alles andere auch. Die Hölle war kein Ort, sie war Zustand. Sie war nicht heiß, nicht kalt. Sie war leer. Und einsam.
9.5.17 10:28


Ich sitze hier und höre meinen Atem. Als ich die Augen wieder öffne, bin ich allein. Die Präsenz der Anderen ist wie weggeatmet. Ich spüre wie die Spitzen meiner Wimpern meine Haut berühren, als ich blinzle. Kurz gebe ich mich der Hoffnung hin, dass die Einsamkeit zurück zum Anfang und der Raum wieder zu seinen Bewohnern gefunden hat. Ich zwinge mich der Enttäuschung keinen Stuhl anzubieten. Während mir auffällt, dass die Stille fehlt und an ihrer Stelle ein alles verschlingendes Rauschen herrscht sehe ich dabei zu, wie ich mich erhebe. Das Krachen des Stuhles, der hinter mir zu Boden fällt, erinnert mich an etwas. In dem Moment, als die Türklinke seinen Dienst als Türöffner versagt, weiß ich, dass ich es gewusst habe. Die Taubheit macht der Hilflosigkeit Platz. Ich zähle meine Zehen, vom kleinen bis zum großen Zeh. Alle zehn sind da, und erst als ich sie zum dritten Mal zähle, fällt mir auf, dass ich es kann, weil meine Füße nackt sind. Mein restlicher Körper steckt in Klamotten, die ich nicht kenne. Die Hilfslosigkeit rennt der Angst in die Arme und in meinem Hals macht sich das Ersticken breit. Betonboden klebt unter meinen Fußsohlen. Ich erkenne mich nicht, spüre mich nicht, schwimme in einer Blase aus Teer. Ein Körper fliegt an mir vorbei und ich spüre den Atmen den er verströmt auf meinem Gesicht. Ich weiß, dass die Anderen hier sind, ich bin mir nur nicht sicher ob ich noch da bin.
5.5.17 14:38


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