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Unterwegs mit Opa.

„Opa, was ist da in der Flasche?“ Ruth deutet auf die Glasflasche, die auf dem Kaminsims steht, zwischen Familienfotos und vertrockneten Blumensträußen. Opa hebt eine seiner buschigen Augenbrauen und das Abenteuerlächeln huscht über seine Falten. „Wenn du mir aus der Küche ein paar Kekse und zwei Tassen Tee für uns bringst, erzähle ich es dir.“ Sobald Ruth losgesprungen war, hatte Opa die Flasche vom Sims geholt, nur um sie dann wieder zurück zu stellen, einen weiteren Scheit Holz auf das glühende Feuer zu legen und sie dann erneut vom Sims zu holen. Mit einem klassischen Stöhnen nahm er in dem durchgesessenen Ledersessel Platz, den er damals vom Grafen von Bordeaux gewonnen hatte. Ruth kam auf Zehenspitzen zurück ins Wohnzimmer und balancierte das Tablett mit einer Hand, wie der Kellner in dem feinen Resteraunt, in dem sie am Wochenende gegessen hatten. Nachdem sie den größten Klumpen Kandiszucker, den sie in der kleinen gelben Schale finden konnte, in ihrer Tasse versenkt hatte, kuschelte sie sich in die kleine Kuhle, die sich in den vier Teppichen gebildet hatte, in die sie sich jedes Mal kuschelt, wenn Opa seinen Abenteuerlächeln lächelte.„Als ich damals auf den Galapagosinseln war, um den Umfang der Hinterläufe der Schildkröten auszumessen, begegnete ich eines Abends einem besonders großen Exemplar. Es hatte einen riesigen Panzer, der so dick war, dass ich darauf stehen konnte und mich wie ein König durch den Dschungel tragen lassen konnte, ohne, dass die Schildkröte mich bemerkt hätte. Während ich so auf dem Rücken dieser Schildkröte ritt, konnte ich mir ihre Hinterläufe sehr genau ansehen. Ich lernte vieles über die Bewegungsabläufe und die Ausdauer von Schildkröten, was mir in meinen späteren Forschungsreisen auf den Seychellen sehr nützlich war.“ Opa hatte die Hände über der Strickjacke gefaltet während er redete. „Stimmt, da hast du ja fast dein Ohr verloren im Kampf mit einem sehr aggressiven Schildkrötenmann, oder?“ Fragte Ruth, die sich an die Geschichte von den Seychellen-Schildkröten erinnerte. Opa nickte zwinkernd und prustete in die heiße Teetasse. „Am Abend, als ich genug vom herum stehen auf dem Panzer hatte verabschiedete ich mich von der Schildkröte und schlug mein Nachtlager auf. Ich hatte ein Feuer angemacht und schlief mit einem offenen Auge, wie es sich für Abenteurer gehört, dennoch hatte ich nicht bemerkt, wie sich ein Galapagos-Wolf an mich heran geschlichen hatte. Er schien hungrig zu sein, denn als ich erwachte flitzte er auf mich zu und biss mir den Ringfinger ab.“ Opa zeigte seine rechte Hand hoch, an der der Ringfinger fehlte. Ruth schlug sich die Hände vor den Mund. „Meine Hand tat sehr weh, aber ich konnte den Wolf nicht einfach so davon kommen lassen! Also griff ich mir ein brennendes Holzscheit und rannte dem Tier hinterher. Ich lief ganz leise, sodass mich der Wolf nicht hören konnte und gegen den Wind, sodass er mich nicht riechen konnte. Bald fand ich ihn. Er hatte schon angefangen das Blut aus meinem Finger zu lecken, das konnte ich nicht zulassen also jagte ich den Wolf mit dem Feuer davon. Ich nahm den Finger mit und legte dafür eine meiner Wurstbrote hin, damit der Wolf nicht verhungerte. Den Finger steckte ich in meine Wasserflasche, damit ich ihn später wieder annähen lassen konnte.“ Opa deutete auf die Flasche, die er auf den kleinen Tisch neben dem Sessel gestellt hatte. „Leider war ich noch eine ganze Weile auf den Galapagos-Inseln und als ich wieder ans Festland kam und einen Arzt aufsuchte, riet mir dieser, dass es ziemlich blöde wäre, einen abgebissenen Finger an einen verheilten Stumpf zu nähen. Ich ließ mir den Finger also nicht mehr annähen, sondern behielt ihn in dieser Flasche als Andenken. Im Laufe der Jahre sind nun nur noch die Knochen übrig geblieben.“
14.5.17 21:30
 
Letzte Einträge: aus dem karton ganz hinten im keller., feline. , tanz. bitte tanz für mich., er sie es., you are human after all., liebes ich.


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