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feline.

Das Abendessen hatte ihr nicht geschmeckt. Sie mochte keinen Thunfisch, vor Allem nicht als Salat. Sie konnte nicht begreifen, wie man so etwas Spezielles einer Gruppe von geisteskranken Jugendlichen vorsetzen konnte, die neben den ganzen Stimmen in ihren Köpfen auch noch mit der Pubertät zu kämpfen hatten. Sie stieß ein belustigtes Schnauben aus, als sie diesen Gedanken zu Ende gedacht hatte. Ihr rechter Zeigefinger fuhr über das kurze Stück Holz des Türrahmens und schwebte in der Luft, bis er auf der anderen Seite wieder den Türrahmen berührte, während sie mit kurzen Schritten den Gang hinunter schlich. Man hatte sie gezwungen zu essen, so wie immer. Dabei gehörte sie doch gar nicht zu den Spinnenmenschen. Das war auch wieder so eine Sache, die sie nicht verstand. Wieso machte man sich freiwillig zum Spinnenmenschen. Es gab ja schließlich nicht jeden Tag Thunfischsalat, manchmal gab es auch Nudelauflauf, der schmeckte sehr gut aber die Spinnenmenschen rührten ihn nicht mal an. Oftmals dann nicht, wenn sie gezwungen wurden. Aber sie, Feline, hatte gegessen, als man sie gezwungen hatte. Sie wollte nämlich hier raus, und man hatte ihr gesagt, dass das nur dann passiert, wenn sie tut was die Kittel sagen.Nachdem sie mit ihrem Finger noch über zwei weitere Türrahmen gesprungen war, blieb sie vor der hellblauen Tür stehen, die sie von ihrem Zimmer trennte. Die Klinke fühlte sich warm in ihrer Hand an, wie Zuhause. Als sie die Tür öffnete merkte sie, dass etwas anders war. Solche Dinge merkt sie immer, ausgeprägte Feinfühligkeit nennen die Kittel das. Sie hält einen Moment inne und versucht die aufkeimende Panik zu unterdrücken, es gelingt ihr nicht und obwohl hinter der Tür der Grund ihrer Panik lauerte, war dort auch Zuhause, und dahin flüchtete sie. Allerdings war es nicht mehr Zuhause. Sie fanden sie im Keller, unter der Treppe, zusammengekauert. Es dauerte einen Moment, bis sie es geschafft hatten ihre Fingernägel aus der dünnen Haut über ihren Knien zu lösen. Ansprechbar war sie nicht, nur das unverständliche Gemurmel, dass manchmal im gleichen Rhythmus aus ihrem Mund kam, wie ihre Augen hin und her huschten. Man wollte nach dem Abendessen nochmal nach ihr sehen, Gute Nacht sagen. Als man das Zimmer betrat, wussten sie sofort, dass etwas nicht stimmte. Konfliktlösende Schulung nennen sie es. Sie suchten sie, bis sie sie nicht fanden. Bis einer auf die Idee kam die Kellertüre zu überprüfen.Als Feline in ihr Zimmer kam erschrak sie nicht. Stattdessen pflanzte sich die Panik in ihrem Kopf ein und ließ sie Türe zuschlagen, abschließen. Ihres Atems beraubt schnappte sie nach Luft, versuchte sich in dem eh schon abgepuhlten Lack der Tür festzuhalten, spürte den Schmerz nicht als sich ein Splitter löste und sich unter ihren Nagel schob. Aus ihrer Kehle drang ein vager Schrei. Sie sagte nichts zu den Fragen, die man ihr stellte. Sie zitterte, suchte immer wieder die Kuhlen, die sie in ihre Knie geritzt hatte, versuchte sich festzuhalten. „Was ist passiert?“ „Wieso bist du abgehauen?“ „Vor was hattest du Angst?“ „Haben die in deinem Kopf dir Angst gemacht?“ „Feline, rede bitte mit mir.“ „Feline ich mache mir Sorgen.“ „Feline.“ Sie sagte nichts zu all den Fragen, die sie nicht mal erreichten, weil sie sich tief eingeschlossen hatte, wo sie sie nicht finden würden.Der Boden war übersäht mit Barbies. Nackt, angezogen, die kleinen Hosen und Pullover in Hast über die steifen Glieder gezogen. Köpfe starrten ohne Körper an die Mobiles, die von der Decke baumelte, und Körper ohne Köpfe reckten die verdrehten Arme und Beine in Himmelsrichtungen, die nicht existieren. Barbies mit blonden Haaren, zu Zöpfen geflochten. Barbies mit braunen Haaren, ungekämmt und zerzaust. Barbies ohne Haare, abgeschnitten mit der Nagelschere, die im Oberkörper der Barbie steckte, die auf Felines Kopfkissen thronte. Stimmen brandeten in ihrem Kopf auf, Lösungen für Rätsel, die sie nie gestellt hatte. Ein monotones Summen aus Laut und Leise, bis sie mit dieser Käferstimme sprach: „Schade, dass du dich nicht mehr erinnerst. Du hattest so viel Spaß. So viel Spaß, wenn du die Köpfe gelöst hast. Du fandest das Geräusch sooo schön, wenn die Schere durch das synthetische Haar schnitt. So viel Spaß, Feline. Feline, du hattest so viel Spaß. Schade, dass du dich nicht mehr erinnerst, Feline. Schade.“ Der Schrei, der sich zuvor noch versteckt hatte, brach aus ihr heraus.Man wollte nach dem Abendessen nochmal nach ihr sehen, Gute Nacht sagen. Als man das Zimmer betrat, wussten sie sofort, dass etwas nicht stimmte. Konfliktlösende Schulung nennen sie es. Alles was man fand war nicht sie. Nur eine Barbiepuppe, die auf Felines Kopfkissen lag.
24.5.17 17:47
 
Letzte Einträge: aus dem karton ganz hinten im keller., tanz. bitte tanz für mich., er sie es., you are human after all., liebes ich.


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